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Mit Blume statt durch die Blume

Marie stampfte stinksauer in Bernds Zimmer. Als sie das Licht anmachte, kniff Bernd die Augen zusammen und protestierte. Dann lies Marie das Rollo hoch und Tageslicht fiel in das kleine Zimmer. Über die Lautsprecher tönte lautes Knallen und das Rattern von nicht wirklich vorhandenen Eisenbahnen. “Mach das Rollo wieder runter”, forderte Bernd Marie auf ohne von seinem Modell aufzuschauen. “Ich denke gar nicht daran. Das Rollo bleibt oben. Und überhaupt hast du mal auf die Uhr geschaut?”, fragte Marie aufgebracht. “Du wolltest vor einer halben Stunde fertig sein. Ich sitze oben und warte auf dich und du kriegst das nicht mal mit”, empört verlies Marie das Zimmer. Bernd reagierte nicht, zumindest nicht auf Marie. Er setzte behutsam eine kleine Figur neben ein kleines Bahnhofshäuschen. Das Licht hatte er nicht angeschaltet und absichtlich das Rollo unten gelassen, da er die Leuchtdioden überprüfen wollte. Mit einer kleinen Taschenlampe ging er dann an die Reparatur.

 

Währenddessen zog Marie sich ihre Schuhe und eine Jacke an. Sie nahm die Schlüssel und ging aus dem Haus. Was zu viel war, war einfach zu viel. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie wusste wie Bernd war. Doch trotzdem hoffte sie immer wieder es wäre dieses Mal anders. Eigentlich hatten sie sich vorgenommen, an diesem Wochenende etwas gemeinsam zu unternehmen, nur zu zweit. Berndhatte darauf bestanden sein Modell noch einmal zu überprüfen, dass er dann daran weiter arbeiten würde, hatte Marie nicht gewusst. Marie hatte daher zugestimmt und sich vorgenommen Sex and the City anzusehen. Doch nach der Hälfte der zweiten Folge hatte sie keine Lust mehr und fragte Bernd wie lange er noch brauchen würde. “Nur noch einen Testlauf”, war seine Antwort gewesen. Wie oft sie das schon gehört hatte. Nach dieser Aussage konnte es ewig dauern bis Bernd tatsächlich zu ihr kam.

 

Die Sonne wärmte sanft ihr Gesicht, sie atmete die frische Luft tief ein. Ohne Vorwarnung kullerte ihr eine Träne die Wange hinunter. Normalerweise hatte sie sich im Griff und konnte die Tränen gut zurück halten. Bei dem Gedanken, dass Bernd wahrscheinlich noch im Keller zu Gange war, wenn sie zurück kam und er ihre Abwesenheit wohlmöglich gar nicht wahrgenommen hatte, brachen alle Dämme. Sie setzte sich auf die nächste Bank und lies ihren Gefühlen freien Lauf. Sie zog ihre Beine an den Körper und vergrub ihr Gesicht hinter ihren Händen und hoffte, dass niemand vorbei kam der sie kannte. Dann merkte sie, dass jemand neben ihr Platz genommen hatte. Der Jemand setzte sich näher an sie heran. Vorsichtig blickte sie auf, es war Bernd. Er legte seinen Arm um sie und zog sie zu sich hinüber. “Es tut mir sehr leid”, begann er und seine Stimme klang belegt. “Ich habe einfach die Zeit vergessen. Du weißt doch wie das ist.” Marie sah ihn wütend an. “Vielleicht sollte ich mir mal ne Uhr in den Keller hängen, damit ich die Zeit besser im Blick behalte. Ich möchte ja auch Zeit mit dir verbringen.” “Es würde wahrscheinlich schon helfen, wenn du dich nicht immer verbarikadieren würdest. Das Rollo muss doch nicht immer runter. Du bekommst ja gar nicht mit, was draußen für ein Wetter ist. Für die Augen kann das doch auch nicht gut sein. Du wirst immer mehr zu einer Kellerassel…” Marie stand auf. Sie hatten diese Diskussion schon so oft geführt. Sie fragte sich warum in diesem Zimmer überhaupt ein Fenster war, wenn das Rollo ständig unten war. Heute würde sie Bernd etwas zappeln lassen, dieses Mal konnte sie sich nicht so schnell einwickeln lassen.

Rollo
Am nächsten Tag kam Bernd früher von der Arbeit nach Hause. In der Hand hielt er einen riesigen Blumenstrauß mit Maries Lieblingsblumen. Er sagte Marie, sie solle sich etwas schönes anziehen und in zehn Minuten raus kommen. Marie wusste gar nicht was sie sagen sollte und folgte den Anweisungen. Bernd entführte sie in ein tolles Restaurant wo sie direkt am Wasser saßen und sich ein Candlelight Dinner gönnten. “Das ist mal eine angemessene Entschädigung für die unzähligen Male, an denen ich auf dich warten musste und wenn du jetzt noch das Rollo öfter oben lässt, vergisst du mich vielleicht auch nicht mehr so oft”, sagte Marie und lächelte Bernd verliebt an.